Busy Christmas

So konterst du dem Stress im Dezember

Für einige ist es die schönste Zeit des Jahres: Weihnachtliche Lichterketten erleuchten die Straßen, in der Luft liegt der Duft nach frisch gebackenen Plätzchen, der Weihnachtsmarkt lockt mit Glühwein und Punsch. Endlich ist die Zeit der Besinnlichkeit zurück; die Zeit, in der man zur Ruhe kommt, das Jahr Revue passieren lässt oder gar Pläne für das neue Jahr schmiedet. Die Zeit für Familie und Freunde. Doch viele empfinden diese Zeit im Dezember eben auch ganz anders. Da wo Besinnlichkeit und Ruhe sein sollte, ist Stress und Druck. Durch die Deadline, die unbedingt vor Jahresschluss eingehalten muss. Die Unternehmenspartner, die nicht mehr lange zu greifen sind. Oder durch eigentlich schöne Dinge, die aber so geballt anrücken, dass es doch mehr eine Verpflichtung als Spaß ist. Wie also raus aus der Stressfalle? Wir haben uns in unserem Netzwerk umgeschaut und sind natürlich fündig geworden: Hanna Tempelhagen, Evelyn Beier und Linda Rau sind wahre Pros im Stressmanagement. Wir haben mit ihnen über Stress in der Adventszeit gesprochen und sie nach ihren „keep cool"-Tipps gefragt.

Im nushu talk mit

Evelyn Beier
Evelyn Beier

Evelyn kommt ursprünglich aus der Nähe von Leipzig, wo sie geboren und aufgewachsen ist. Nach ihrem Wirtschaftsingenieurwesen-Studium zog sie in ihre Wahlheimat Hamburg, da sie die Nähe zum Meer liebt. Evelyn arbeitet als Online Marketing Managerin für Xandr und hat sich bewusst für eine 4-Tage-Arbeitswoche entschieden, um auch noch Zeit zu haben, als Yoga Lehrerin zu unterrichten.

Hanna Tempelhagen
Hanna Tempelhagen

Nachdem Hanna mehrere Jahre in der Beratung gearbeitet hat, gründete sie 2017 zusammen mit anderen Partnern The Mindful Spaces, um Menschen und Organisationen zu unterstützen, mit sich selbst und anderen bewusster und wertschätzender umzugehen. Während ihres Studiums und auch in der Zeit als Beraterin entdeckte sie Meditation und Achtsamkeit für sich. Einerseits suchte Hanna neben dem Laufen nach Möglichkeiten, um leichter zu entspannen und abschalten zu können, andererseits wollte sie lernen, wie sie in stressigen Situationen gelassen bleiben kann. Heute ist Hanna zertifizierte Mindfulness Based Stress Reduction Lehrerin und gibt unter anderem Kurse, Seminare und Workshops in wissenschaftlich fundierter Achtsamkeit und Mindful Leadership. Darüber hinaus ist sie Pionierin in Deutschland für Mindful Running, welches Laufen und Achtsamkeit miteinander verbindet.

Linda Rau
Linda Rau

Linda ist 34 Jahre alt und kommt ursprünglich aus dem Südschwarzwald. Im Juni 2015 zog sie aus reiner Liebe in die Stadt Hamburg in den Norden und ist hier immer noch so glücklich, dass jede andere Stadt gegen Hamburg verliert. Sogar eine Fernbeziehung, die in Berlin wohnt, schmälert diese Liebe nicht. Die Liebe zur Stadt hat zum Glück auch einen wundervollen Job bereitgehalten. Seit vier Jahren arbeitet sie bei JOBLINGE, eine Initiative, die arbeitslosen Jugendlichen hilft, einen Ausbildungsplatz zu finden. Ihre Aufgabe ist es dabei, Unternehmenskontakte aufzubauen, Praktika zu organisieren und Ausbildungsplätze fest zu machen. Neben Arbeit, Fernbeziehung, Hamburg lieben, geht Linda jeden Morgen zehn Kilometer am Elbstrand joggen, rudert in einem Verein auf der Elbe und geht in der Nordwandhalle klettern. Stressresistenz ist eines ihrer Lieblingsthemen.

Unser Bedürfnis nach mehr Ruhe und Entschleunigung

Für Linda ist die Weihnachtszeit eine schöne Zeit. „Weil ich das Gefühl habe, dass jede und jeder ein wenig zur Ruhe kommt, die Welt sich ein wenig langsamer dreht und der Fokus sich von Arbeit, Leistung und Stress auf Familie, Freunde und Ruhe verschiebt.", sagt Linda. „Natürlich kommt kurz vor den Weihnachtsfeiertagen auch bei mir ein wenig der Weihnachtsstress auf, aber ich habe es mir abgewöhnt, jeder und jedem etwas schenken zu müssen." So ähnlich geht es auch Evelyn: „Ich empfinde die Vorweihnachtszeit nicht stressig, ganz im Gegenteil. Man muss aber sagen, dass der November mein Lieblings-Reisemonat ist, in dem ich abschalten und meine Batterien aufladen kann – dieses Jahr zum Kitesurfen in Südafrika! Ich genieße das tolle Land, das gute Essen, den Wein und sobald ich zurück bin, freue ich mich auf die Weihnachtsmärkte mit Freunden und entspannte Stunden auf dem Sofa bei Kerzenschein. Was den Stresslevel in der Vorweihnachtszeit ebenfalls enorm senkt ist, dass wir in der Familie vor einigen Jahren entschieden haben, den Geschenke-Wahnsinn zu stoppen. Anfänglich war das ein komisches Gefühl, wenn nichts unter dem Weihnachtsbaum lag, aber mittlerweile finden wir es alle sehr angenehm, nicht durch die überfüllten Läden zu rennen, auf der Suche nach dem perfekten Geschenk."

Hanna empfindet die Zeit am Jahresende dagegen anders: „Der Dezember ist in der Tat eine gefühlt hektische Zeit. Mein Eindruck ist, dass viele Menschen noch schnell etwas erledigen oder umgesetzt haben möchten. Ich bekomme viele Anfragen für Angebote, Workshops und Kurse mit der Bitte, doch ganz schnell eine Rückmeldung zu geben." Mit Hilfe von täglicher Achtsamkeitspraxis bleibt Hanna trotzdem gelassen. Sie meditiert morgens täglich für mindestens 45 Minuten und kombiniert das auch mit einem kurzen Bodyworkout. Anfänger*innen rät die Mindfulness Based Stress Reduction Lehrerin und aktive Leistungsportlerin mit einer drei bis fünfminütigen Atembeobachtung zu beginnen und sich dann langsam zu steigern. Außerdem rät sie zu Yoga und hier zu den Formen, die bewusst den Fokus auf die Verbindung von Atmung mit dem Körper legen. „Für mich ist es essentiell – nicht nur in der Vorweihnachtszeit – dem Körper und Geist Ruhe und Nichtstun zu erlauben und andererseits auch durch Bewegung, idealerweise draußen in der Natur, für Ausgleich zu sorgen. Sport beziehungsweise Bewegung baut Stresshormone ab, schüttet Endorphine aus, hebt die Stimmung und kann, in der Gruppe, auch das Gefühl von Gemeinschaft und Geborgenheit entstehen lassen. Vielen hilft die Motivation durch eine Gruppe, sich aufzuraffen und regelmäßig sich zum gemeinsamen Sportlern zu treffen."

Auch Evelyn rät zu Yoga und Meditation, aber auch zum Leseabend auf dem Sofa: „Gerade im Winter und in der Vorweihnachtszeit richtet sich der Fokus eher nach Innen. Es wird früh dunkel, die Natur verändert sich und es ist kalt. Oft verspüren wir in dieser Zeit das Bedürfnis nach mehr Ruhe und Entschleunigung, mehr Zeit für sich selber zu haben. Wie wäre es, endlich das Buch zu lesen, was schon lange in deinem Regal liegt und bisher nie Zeit dafür war? Koch dir einen leckeren Tee und kuschle dich in deine Lieblingsdecke ein. So ein Leseabend auf dem Sofa kann herrlich entspannend sein. Wenn du gerne Yoga praktizierst, dann probiere doch mal eine Stunde Yin Yoga aus, anstatt beim Intensive Yoga zu schwitzen. Danach wirst du dich toll fühlen. Es gibt mittlerweile viele gute Mediation-Apps, die toll angeleitet werden und einen einfachen Einstieg in das Thema ermöglichen. Ich versuche kleinere Einheiten in meinen Alltag einzubauen, damit ich mich nicht ärgere, wenn ich es mal wieder nicht geschafft habe. Starte mit fünf bis zehn Minuten am Tag zum Beispiel morgens nach dem Aufwachen oder abends, bevor Du ins Bett gehst. In der kalten Zeit gehe ich auch gerne in die Sauna und gönne mir eine entspannte Massage bei meinem Lieblingsmasseur ums Eck."

Relax

Einfach mal Nein sagen

Für den restlichen Tag baut sich Hanna bewusst Puffer in der Terminplanung ein und achtet darauf, dass der Tag nicht völlig vollgepackt ist. Dabei ist es wichtig, immer wieder innezuhalten und zum Beispiel den Atem spüren. „Das geht auch am Schreibtisch, ohne dass andere das mitbekommen. Hier geht es um das bewusste Kultivieren von Momenten der Pause und des Nichtstuns." Wie sie ansonsten mit Stress umgeht? „Ich sage nicht alles zu, sondern erlaube mir ohne schlechtes Gewissen ganz bewusst Nein zu sagen. Ich muss nicht auf jede Veranstaltung, jede Weihnachtsfeier, jedes Networking-Event und so weiter! Stattdessen ist Zeit zum Innehalten, für Pausen, Sauna, einen Spaziergang am Abend und für Menschen, die mir wirklich etwas bedeuten. Wenn ich „ja“ sage, dann von ganzem Herzen und ohne nachher darüber zu nörgeln." Und dann ist da noch der Digital Detox: „Öfter mal offline gehen und das Handy ganz bewusst ausmachen. Das kann herausfordernd sein und es kann sein, dass es dich sogar richtig stresst, weil du bemerkst, dass du automatisch nach dem Handy greifst oder scrollst.", so Hanna.

Linda sieht die Ursache von Stress bei vielen selbst. Sie rät dazu, sich immer wieder bewusst zu machen, dass sich vieles auch von alleine löst: „Ich glaube, Menschen, die sehr gestresst sind, nehmen sich und ihre Wirkung auf bestimmte Projekte oder Aufgaben zu wichtig. Und: Stress entsteht ja oft, weil wir denken, wir erfüllen bestimmte Erwartungen nicht oder erreichen gesetzte Ziele nicht. Wenn wir uns davon lösen, entspannt das schon ziemlich. Ganz praktisch: Deadline ist Freitag. Wenn ich merke, dass mich diese Deadline in Stress versetzt, überlege ich mir, inwieweit kann man die Deadline nach hinten verschieben oder frage nach, inwieweit das geht. Und wenn die Deadline fix ist, heißt es Ansprüche runterschrauben! Und Ausgleiche schaffen. Man muss Menschen, Hobbys oder andere Dinge haben, die einen manchmal dazu zwingen, sich nicht zu sehr zu stressen. Ich fühle mich unausgeglichen, wenn ich wegen meiner Arbeit meine Freunde nicht mehr sehe, meine Beziehung vernachlässige, meine Hobbys nicht mehr machen kann. Das ist ein automatischer Stressblocker."

Hanna hat außerdem noch den Tipp der „Dankbarkeitspraxis": Sie fragt sich jeden Tag, wofür sie dankbar ist und macht sich bewusst, was sie alles Positives erlebt hat und erfahren durfte. „Der Blick auf das, was da ist, kann helfen, sich dem „Optimierungswahn“ zu entziehen und die Präsenz in den Moment zu lenken. Denn wenn wir ständig streben, setzen wir uns immer wieder unter Druck, noch mehr und noch weiter zu kommen, und sind ständig gedanklich in der Zukunft und nie dort, wo wie gerade sind. Das ist auf Dauer ziemlich zehrend."

Achtsamkeit

Wir leben in einer Zeit, in der sich Stress kaum vermeiden lässt

Doch wie tappt man gar nicht erst in die Stressfalle?  „Stress ist ja subjektiv. Das, was dich stresst, nimmt deine Freundin vielleicht ganz gelassen. Das eigene Bewusstsein, die Wahrnehmung dieser automatischen Prozesse, zu schulen, den Autopilot zu bemerken, ist der erste Schritt.", so Hanna. Deshalb ist sie auch ein Fan der Achtsamkeits-Meditation. „Dann, wenn die Aufmerksamkeit zum Beispiel vom Atem abdriftet, du dies bemerkst und zum Atem zurückkehrst, trainierst du genau das. Dass die Gedanken abschweifen, ist natürlich. Es zu bemerken, ist das Durchbrechen des Autopilots. Das geschieht immer wieder und wieder; das ist ok und gehört dazu. Diesen Vorgang des Abschweifens nicht zu bewerten, sondern gelassen annehmen, schult Geduld und Akzeptanz. Mit Übung, wird dir dann der Autopilot, das automatische Handeln, viel häufiger bewusst werden. Jeder und jedem, die oder der dauerhaft das Stresslevel reduzieren will, empfehle ich wirklich achtsamkeitsbasierte Stressreduktion, ein weltweit standardisiertes und wissenschaftlich untersuchtes Verfahren und natürlich meine Passion Mindful Running!"

„Ich denke, dass wir in einer Zeit leben, wo sich Stress kaum vermeiden lässt. Ständig stehen wir unter enormen Termin- und Zeitdruck, sowohl privat als auch im Job.", sagt Evelyn. „Wichtig ist es, dass wir uns regelmäßig rausnehmen, uns kleine Oasen der Erholung und Ruhe schaffen und nicht erst dann aktiv werden, wenn wir die ersten Stress-Symptome spüren. Versuche regelmäßig Sport zu machen, auf Schlaf und Ernährung zu achten und Entspannungstechniken zu lernen. Frage Dich, ob diese Email oder eine ganz bestimmte Aufgabe heute unbedingt noch erledigt werden muss oder du zu deinem Lieblingskurs gehst oder mal wieder Zeit mit deinen Freunden verbringst. Ich bin mir sicher, dass die meisten genau wissen, was ihnen gut tut – das Problem ist, dass wir uns nicht die Zeit dafür nehmen und immer wieder irgendwas dazwischenkommt. Und ganz genau hier müssen wir ansetzen. Zeit anders planen, sich selber in den Fokus rücken und mehr auf sich achten. Da mir das persönlich auch nicht leicht fällt und ich immer alles irgendwie planen muss, trage ich mir pro Woche 2 feste Termine in meinem Kalender ein, die mich daran erinnern, dass heute ein „Evelyn Abend“ ist. An diesen Abenden mache ich pünktlich Feierabend, gehe zum Sport oder in die Sauna, lese ein Buch oder schaue einen Film auf dem Sofa. Keine Verabredungen, keine anderen Termine – ein Abend nur mit mir allein!". Und auch Linda setzt ganz klare Prioritäten: „Die meisten von uns operieren nicht am offenen Herzen, also kann fast alles warten."