Bild: Axel Kuhlmann

New Work als Haltung und Weltbild

Interview mit Inga Höltmann

Wir haben Journalistin Inga Höltmann gefragt, was sie uns als Expertin zum Thema New Work erzählen möchte und warum New Work für sie die beste Art ist, zu arbeiten. 

Inga Höltmann ist Expertin für die Themen Kulturwandel in Unternehmen, New Work und Digital Leadership. Sie ist Gründerin der Digital-Leadership-Akademie Accelerate Academy, einer Plattform für Neues Arbeiten und Neues Lernen, und ausgebildete Wirtschaftsjournalistin. Zu ihren Auftraggebern gehören der Berliner Tagesspiegel und der Deutschlandfunk Kultur. Bekannt ist sie auch für ihren erfolgreichen Newsletter über Kulturwandel in Unternehmen, neue Arbeit und moderne Führung und ihre beiden Podcasts zur Zukunft der Arbeit.

In ihrer Accelerate Academy hilft sie Unternehmen und Menschen, miteinander und voneinander zu lernen – in innovativen und spannenden Formaten, vertrauensvoll im kleinen Team, innerhalb der Organisation oder über Unternehmensgrenzen hinweg. Wenn wir schon bald vernetzt, kollaborativ und co-kreativ arbeiten, dann sollten wir auch so lernen.

DEFINITION

Wie erklärst du New Work jemanden, der den Begriff noch nicht kennt?

Mit dem Begriff beschreibe ich Veränderungen in der Art und Weise, wie wir arbeiten. Für mich ist New Work weniger das, was wir tun – wie flexiblere Arbeitszeitmodelle einzuführen oder neue Formate zu erfinden, in denen wir uns austauschen und arbeiten – sondern vielmehr das, was in unseren Köpfen passiert: Eine Hinwendung zum Menschen und seinen Bedürfnissen und der Wunsch, eine neue Wirtschaft und eine neue Gesellschaft zu bauen. Flexiblere Arbeitszeiten oder transparente Gehaltsstrukturen sind das Ergebnis davon, doch sie allein als New Work zu bezeichnen, greift für mich etwas zu kurz. New Work ist für mich auch eine Haltung und ein Weltbild.

Deshalb kann man New Work auch nicht einfach einführen oder ein Maßnahmenpaket aus einer anderen Organisation kopieren. Dieser Wertewandel ist eine Reise, auf die sich jedes Unternehmen einlassen muss – und ausprobieren muss, was passt und was vielleicht auch nicht funktioniert. Eine Lernkultur im Unternehmen ist deshalb der Schlüssel auf dem Weg in die neue Arbeitswelt: Ausprobieren, explorieren, verwerfen und verfeinern sind die Zutaten.

WERTE UND ANSATZ

Welche Ansätze des New Work Konzepts nimmst du in deinem Business auf?

Für mich sind Offenheit, Lernwilligkeit verknüpft mit Lernfähigkeit und ein positives Menschenbild die wichtigsten Zutaten. Ich glaube, dass Menschen lernen wollen und Lust auf Veränderung haben, wenn wir die richtigen Räume schaffen. Der Samen von erfolgreichem Wandel liegt in jedem Unternehmen schon drin – wir müssen ihn nur zum Sprießen bringen. Und das gelingt uns, wenn wir den Menschen Entwicklungsräume geben und ihnen vertrauen. 

UMSETZUNG

Startups wollen Flexibilität und New Work in ihre Unternehmen etablieren, wissen aber, dass feste Strukturen besonders am Anfang wichtig für das junge Unternehmen sind, um ein gut funktionierendes, verlässliches Team zu schaffen. Wie gelingt dies Startups?

Startups haben einen anderen großen Vorteil: In ihnen trifft man nicht auf bereits existierende Strukturen, sondern sie können sich mit der Gründung die zu ihnen passenden Strukturen schaffen. Das ist ein Auftrag zur Gestaltung, den sie aber auch annehmen müssen – oftmals sehe ich, dass gerade Startups so mit dem Tagesgeschäft beschäftigt sind, dass diese Werte- und Strukturarbeit hinten herunter fällt. Sie ist aber auf Dauer ebenso wichtig wie das Kerngeschäft und wird am Ende des Tages das sein, was ein Unternehmen erfolgreich und innovativ macht. 

Was empfiehlst du Menschen, die mit New Work beginnen möchten?

Am Beginn von New Work steht Wertearbeit: Wer sind wir? Welche Bedürfnisse kommen hier zusammen und auf welche Anforderungen treffen sie? Wie wollen wir miteinander arbeiten? Ich plädiere immer dafür, an vielen Stellen im Unternehmen Samen zu platzieren, irgendwann werden sie aufgehen.

Allen Meetings zum Trotz reden wir zu wenig in den Unternehmen. Diesen Dialog erst einmal strukturiert aufzunehmen ist der erste Schritt. Da muss auch nicht gleich die ganze Abteilung involviert werden, man kann durchaus erst einmal im Kernteam anfangen und sich eine Methode aussuchen – ich habe dafür zum Beispiel den New Work Canvas entwickelt, der durch diesen Prozess leitet. Wir sollten uns Rampen bauen, die uns auf die Reise „New Work“ leiten und uns trauen, sie beherzt  anzutreten. Das Gute: Wir gehen sie ja nicht allein, sondern miteinander. 

New Work Canvas: http://www.accelerate-academy.de

FREIHEITEN

Wie flexibel bist du bei der Gestaltung deiner Arbeitsorte und -zeiten?

Ich bin Freelancer und Gründerin und gestalte recht viel selbst – mit diesem Gestaltungsspielraum geht aber auch eine gewisse Gestaltungspflicht einher. Ich muss gestalten und das ist ein konstanter Lernprozess: Meine eigenen Bedürfnisse, Verpflichtungen, meine Aufträge, Vorstellungen meiner Auftraggeber, strategische Arbeit – all das muss ich balancieren und es mit meiner Vorstellung von gutem und richtigen Arbeiten verknüpfen. Wie für jedes Unternehmen ist meine persönliche „New Work“ ebenfalls eine Reise. 

REFLEXION

Für viele bedeutet New Work = Home Office. – Wie siehst du das?

Home Office kann etwas sein, das Unternehmen im Zuge ihrer Transformation ihren Mitarbeitern beginnen anzubieten. Home Office ist aber so viel mehr als nur ein Arbeitsort – wer seinen Mitarbeitenden das ermöglicht, muss sich zugleich mit vielen anderen Dingen auseinandersetzen: Wie führe ich über Distanzen? Wie organisiere ich Informationsflüsse, wenn man sich Dinge nicht einfach mehr so zurufen kann? Wie stelle ich sicher, dass alle alles wissen – auch die, die nicht da sind? Wie kann ich dafür sorgen, dass Mitarbeitende im Home Office sichtbar bleiben? 

Das zeigt deutlich, dass Home Office mehr als nur die technische Ausstattung für Fernarbeit ist. Ob Home Office dauerhaft funktioniert, hängt stark davon ab, in welche Arbeitskultur es eingebettet ist und ob diese regelmäßig reflektiert wird. Und am Ende eines solchen „new-workigen“ Reflexionsprozesses kann auch stehen, dass das Home Office nicht das Mittel der Wahl ist, sondern andere Formen der flexiblen Zusammenarbeit besser passen. 

FEMALE UND NEW WORK

New Work im Alltag der erfolgreichen Frau – wie lässt sich das umsetzen?

Wenn wir uns von starren Arbeitsformen verabschieden, profitieren alle davon – unabhängig von Geschlecht, Herkunft oder Religion. Die Flexibilisierung der Arbeitswelt befreit auch Männer aus einem starren Nine-to-Five-Korsett und eröffnet Räume für andere Lebensentwürfe. 

Doch momentan profitieren oftmals besonders Frauen davon, das ist richtig – vor allem, weil Frauen noch immer die Hauptlast familiärer Care-Tätigkeiten tragen und die große Mehrheit aller Teilzeitkräfte ausmachen. Ich hoffe sehr, dass die Flexibilisierung der Arbeitswelt uns alle befreit und Räume schafft, für sich verändernde Lebensentwürfe. Ich fände es schön, wenn Frauen da beherzt vorangehen würden und sich ihre Arbeitswelt so bauen, wie es ihnen passt – ob mit oder ohne Kinder. Das ist auch im besonderen Maße ein Auftrag an Frauen in Führung, an die ich den Appell richten möchte, sich die Gestaltungsspielräume zu nehmen und die Arbeitswelt tatkräftig umzubauen – zusammen mit ihren Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen. In den Dialog kommen und Zuhören sind da wichtige Führungsinstrumente. Wir sind die Gesellschaft, wir sind die Arbeitswelt – gestalten wir sie!